Bereit aus der Geschichte zu lernen

Am 8. Mai vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg in Europa. Mit einem Staatsakt gedachte die Bundesregierung der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des Zweiten Weltkriegs in Europa. „Dieser 8. Mai war ein Ende und ein Anfang zugleich“, sagte Bundeskanzler Werner Faymann.

Der 8. Mai war das Ende des NS-Regimes, „das diesen mörderischen und grausamen Krieg vom Zaun gebrochen hatte“, sagte Faymann. „Der 8. Mai war das Ende tagtäglicher Verfolgung und Unterdrückung all jener, die den Mut hatten, sich dem NS-Regime nicht zu beugen. Es war das Ende der Ausbeutung von Millionen von Zwangsarbeitern und das Ende der Hölle für jene, die durch die NS-Vernichtungsmaschinerie gegangen sind", betonte der Bundeskanzler. Der heutige Tag sei aber auch ein Neuanfang für Österreich gewesen: "Es war für unser Land ein Tag der Befreiung und der Wiederauferstehung als demokratische Republik. Erst die Niederlage des NS-Regimes ermöglichte es uns, dass die Menschen in Demokratie, Freiheit und wachsendem Wohlstand leben konnten. Der 8. Mai war auch ein Neuanfang für Europa unter der Prämisse: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus", so Faymann.

„Die unvorstellbaren Opfer der jüdischen Bevölkerung, der Roma und Sinti sowie vieler anderer – diese unvorstellbaren Morde des Holocaust – werden wir in unserer Generation nie richtig begreifen können. Ich bin daher den Zeitzeugen sehr dankbar, dass sie ihre Kraft, sowie ihre Fragen und Antworten in die öffentliche Diskussion einbringen und gerade mit den jungen Menschen Gespräche führen", sagte der Bundeskanzler. Es sei dringend nötig, die Geschichte offen und ungeschminkt aufzuarbeiten. "Viele Konsequenzen wurden bereits gezogen, einige allerdings zu spät, zu zögerlich und zu zaghaft. Unsere Schlussfolgerung muss sein: Nie wieder Krieg, Faschismus, Antisemitismus und Rassismus", sagte Faymann.

Friedensprojekt Europa

Trotz des gemeinsamen Friedensprojekts Europa sei unser Kontinent auch in den letzten Jahrzehnten bis in die Gegenwart nicht von kriegerischen Auseinandersetzungen verschont geblieben. "Wir brauchen den gemeinsamen Willen für ein friedliches Zusammenleben einzustehen. Das bedeutet auch, den Menschen die Möglichkeit zu geben, ihre Chancen wahrzunehmen und eine Arbeit zu finden, von der sie leben können", so der Bundeskanzler.

"Mit dem heutigen Gedenken zeigen wir, dass wir bereit dazu sind aus der Geschichte zu lernen. Wir verneigen uns heute vor all jenen, die Österreich befreit haben. Wir verneigen uns vor allen Österreicherinnen und Österreichern, die vom Nationalsozialismus verfolgt wurden und versprechen, dass unser Land ihnen und ihren Nachkommen wieder eine gute Heimat sein will. Wir wollen niemals vergessen wozu es führt, wenn die Freiheit und Würde des Menschen mit Füßen getreten werden – in unserem eigenen Interesse und im Interesse unserer Kinder", sagte Faymann.

Fest der Freude auf dem Wiener Heldenplatz

Am Abend des 8. Mai fand als Höhepunkt des Gedenktags zu 70 Jahre Ende des Zweiten Weltkriegs am Heldenplatz das „Fest der Freude“ mit rund 15.000 BesucherInnen statt. Vor dem offiziellen Beginn wurden Statements von ZeitzeugInnen auf LED-Wänden gezeigt. Neben der Regierungsspitze hielten unter anderem auch die Widerstandskämpferin Helga Emperger, Bundespräsident Heinz Fischer, Nationalratspräsidentin Doris Bures und der Wiener Bürgermeister Michael Häupl Reden. Passend zum 70. Jahrestag der Befreiung vom nationalsozialistischen Regime spielten die Wiener Symphoniker die Symphonie Nr. 9 „Ode an die Freude“ von Ludwig van Beethoven.

Faymann: Angst und Hetze mit Eintreten für Respekt und Würde entgegentreten

Bundeskanzler Faymann sagte in seiner Rede: „Alle sind sich heute einig, dass die Schrecken des Zweiten Weltkrieges und der Holocaust ihre Vorläufer schon in den Wirtschaftskrise der 1930er Jahre hatten: Die Menschen hatten ihre Lebenschancen und Hoffnungen verloren. Und ihre Angst wurde vom Nationalsozialismus missbraucht  – mit Hetze gegen andere, mit Antisemitismus, mit Krieg.“ Als Konsequenz aus der Geschichte müsse man „für ein Europa eintreten, das auch für soziale Sicherheit steht, ein Europa, das Chancen für die Menschen bietet und Arbeit, von der man leben kann. Denn die Angst ist stets ein gefährlicher Nährboden. Wir dürfen nicht zuschauen, wenn auch heute wieder Hass gepredigt wird. Wir müssen den Hasspredigten mit dem Eintreten für Respekt, Fairness und Würde entschieden entgegentreten. Nur dann haben wir unsere Lehren aus der Geschichte gezogen“.

Willi Mernyi, Vorsitzender des Mauthausen Komitees und Mitorganisator des Fests, erinnerte daran, dass auch heute Anfeindungen gegen andere Kulturen und Religionen stattfinden würden. Rechtspopulisten verbreiteten selbst 70 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes Angst und Hetze. „Wichtig ist, dass wir darüber reden und dagegen auftreten. Es soll niemand sagen können, ‚Das habe ich ja nicht gewusst‘“, sagte Mernyi.