60-Stunden-Woche heißt „Leben in Teilzeit“

Zwei Betroffene berichten bei einer SPÖ-Pressekonferenz, was die 60-Stunden-Woche für sie bedeutet: „Man kommt sich vor, wie ein Mensch zweiter Klasse.“

Um 8.00 Uhr beginnt der erste Dienst. Nachdem alle Gäste gefrühstückt und zu Mittag gegessen haben, gibt es eine drei- bis vierstündige Pause, die in erster Linie Leerlauf bedeutet. Dann heißt es weitermachen, Abendessen und Cocktails servieren – bis der letzte Gast gegangen ist. „Dann geht es noch mit dem Auto heim. Oft ist es dann schon ein Uhr nachts, wenn man ins Bett kommt“, berichtet Berend Tusch, gelernter Restaurantfachmann und Zentralbetriebsratsvorsitzender der Austria Trend Hotels, aus dem Hotellerie-Alltag. „Wo bleibt da die Zeit zum Leben?“

„Wo bleibt da die Zeit zum Leben?“

Was jetzt in der Tourismusbranche zwar schon üblich, aber dank Betriebsvereinbarungen eine Ausnahme blieb, wird bald zur Regel werden, ist sich Tusch sicher. Mit dem schwarz-blauen Gesetz zur Arbeitszeitverlängerung „wird sich dieses Modell durchsetzen, nicht nur bei den schwarzen Schafen“, ist Tusch überzeugt. „Wir arbeiten Vollzeit und leben in Teilzeit“, so sein Fazit. Mit Einführung der 60-Stunden-Woche wird der Druck und Stress auf die Beschäftigten massiv zunehmen, sagt Tusch. „Hier wird eine rote Linie überschritten. Man kommt sich vor wie ein Mensch zweiter Klasse.“

„Die Menschen machen sich Sorgen“

Auf der Strecke bleiben neben der eigenen Gesundheit und der Familie auch die Möglichkeiten zur Weiterbildung. Diese wurden von vielen Beschäftigten gerade in der Tourismusbranche gerne genutzt, sagt der Betriebsratsvorsitzende. „Die machen sich Sorgen: Wie sollen sie ihren Abschluss nachholen, wann lernen?“ Den Menschen werden die Perspektiven genommen. Dazu kommt die Gefahr des „Arbeitens auf Abruf“, warnt Tusch. „Und wenn kein Bedarf mehr ist, heißt es: Du kannst dich beim AMS melden.“ Für Tusch steht fest: „Politik muss dafür sorgen, dass es Sicherheit gibt; nicht nur an Grenzen, sondern soziale Sicherheit, Arbeitsplatzsicherheit.“

„Wer stellt die ‚unflexiblen‘ Mütter ein?“

Andrea Czak, alleinerziehende Mutter und Gründerin des AlleinerzieherInnennetzwerks Wien, weiß Ähnliches zu berichten. Denn: „Der Arbeitstag endet ja nicht mit Dienstschluss. Neben der Vollzeitarbeit kommen noch Pendelzeiten hinzu. Und die Arbeit ist ja auch zu Hause nicht vorbei. Da heißt es Essen kochen und bei den Hausaufgaben  helfen.“ Czak, bis vor eineinhalb Jahren im Einzelhandel tätig, sagt, dass eine 60-Stunden-Woche für Alleinerziehende nicht möglich ist: „Der 12-Stunden-Tag geht sich mit den Öffnungszeiten der Kindergärten gar nicht aus. Und wer stellt die ‚unflexiblen‘ Alleinerziehenden dann ein? Wie sollen sie sich und ihre Kinder erhalten?“, fragt Czak.

„Das ist Politik gegen die Menschen“

Für sie ist klar: Ausschlaggebend für eine Anstellung wird künftig immer weniger die Qualifikation sein, sondern die Bereitschaft bzw. die Möglichkeit, viele Überstunden zu machen. Für den Gesetzesvorschlag der Kurz/Strache-Regierung findet sie klare Worte: „Das ist Politik gegen Menschen. Dieses Gesetz ist menschenverachtend und familienfeindlich.“ Sie fordert: „Nein zur 60-Stunden-Woche, Ja zur 30-Stunden-Woche!“

Muchitsch: „Es wird Opfer geben“

Für den SPÖ-Sozialsprecher und Vorsitzenden der Gewerkschaft Bau-Holz Josef Muchitsch steht fest: Mit 1.1.2019, wenn das schwarz-blaue Gesetz in Kraft treten sollte, „wird es Opfer geben“. „Die ganz großen VerliererInnen sind die Frauen, die Familien, die Schwerarbeiter und die Beschäftigten in der Tourismusbranche“, sagt Muchitsch.