Nachruf: Eine gerechte Welt fest im Blick – Herbert Berger (1933-2021)

Herbert Berger
Bild: Karl-Renner-Institut

Am 3.4.2021 ist Herbert Berger 87-jährig gestorben. Seine Arbeit als Priester und Sozialarbeiter in Chile in den Jahren 1968 bis 1973 war für seine politische und berufliche Entwicklung entscheidend. Herbert Berger war Vorsitzender der Chile-Solidaritätsfront, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Karl-Renner-Instituts und Geschäftsführer der AGEZ - Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit, der Vorläuferorganisation der Globalen Verantwortung.

Herbert Berger wurde am 1.8.1933 in Straß bei Krems geboren. Sein Elternhaus war ein konservativ-religiöses. Er wollte Missionar werden. Er schloss das Theologiestudium in Wien ab und wurde 1959 zum Priester geweiht. Danach arbeitete er als Kaplan und Religionslehrer in Niederösterreich und Wien. Sein Wunsch war, nach Lateinamerika zu gehen. 1968 kam Berger als katholischer Priester nach Chile, begann in der población La Legua, einem Armenviertel Santiagos, zu arbeiten und erfuhr eine tiefgehende Politisierung. Das Elend in seinem Umfeld, die Theologie der Befreiung und die Bewegung Christen für den Sozialismus, der er sich anschloss, prägten ihn nachhaltig.

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Chile erlebte eine Aufbruchsstimmung, das Wahlbündnis Unidad Popular wurde 1969 gegründet und unterstützte die Kandidatur des linksgerichteten Salvador Allendes. Allende gewann 1970 die Präsidentschaftswahl. Herbert Bergers Wunsch war es, in Chile auf Dauer zu leben und sich in der Bewegung für den politischen und gesellschaftlichen Aufbau eines Sozialismus zu engagieren. Doch die Mobilisierung gegen die sozialistische Regierung Allendes überschattete die Aufbruchsstimmung, der blutige Militärputsch von Augusto Pinochet am 11. September 1973 bereitete ihr ein Ende.

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Berger und viele andere mussten untertauchen, er konnte schließlich in die österreichische Botschaft flüchten. Bevor er im November das Land verlassen musste, verhalf er noch verfolgten Chileninnen und Chilenen zum Botschaftsasyl. Seinem Einfluss ist es auch zu verdanken, dass der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky (SPÖ) die Tore für chilenische Flüchtlinge öffnete. Für seinen Einsatz, der chilenischen Flüchtlingen das Leben rettete, wurde er 1995 mit dem Bernardo O’Higgins Orden geehrt, die höchste Auszeichnung Chiles, die Ausländer*innen zuteil werden kann. Zurück in Österreich unterstützte er chilenische Exilierte, gründete die Chile-Solidaritätsfront, die Arbeitsgemeinschaft Christen für Chile und arbeitete über Jahrzehnte als Vorsitzender federführend mit.

Herbert Berger, Evo Morales
Bild: Karl-Renner-Institut

Nach seiner Rückkehr arbeitete Herbert Berger beim Meinungsforschungsinstitut IFES und ab 1981 war einige Jahre in Bundeszentrale der SPÖ im Bereich der Grundlagen- und Meinungsforschung tätig. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Karl-Renner-Instituts und später als Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Entwicklungszusammenarbeit (AGEZ) konnte Herbert Berger institutionell viel bewegen und blieb auch nach seiner Pensionierung 1998 ein wichtiger Akteur in der österreichischen Lateinamerika-Solidarität.

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Herbert Berger engagierte sich in der Solidaritätsbewegung für das sandinistische Nicaragua und war Mitbegründer des der SPÖ nahestehenden Österreichischen Hilfskomitees für Nicaragua Anfang der 1980er Jahre. Er war maßgeblich an der Gründung des Österreichischen Informationsdiensts für Entwicklungspolitik (ÖIE), der Vorläuferorganisation des Südwinds, beteiligt. Das Gründungstreffen fand 1979 in Herbert Bergers Wohnung statt. Als Ende 1988 dem (allzu kritischen) ÖIE die Streichung der Förderungen durch das Außenministerium drohte, wurde eine Solidaritätswelle losgetreten und neun EZA-Organisationen gründeten den entwicklungspolitischen Dachverband AGEZ. Auch da war Herbert Berger zur Stelle, denn als gemeinsame Front könne die Politik unter Druck gesetzt werden.

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Ebenso begründete er das Österreichische Nord-Süd-Institut für Entwicklungszusammenarbeit mit, das 2007 in die Gemeinnützige Entwicklungszusammenarbeit GmbH (GEZA) überging. Herbert Berger war der SPÖ beigetreten, dem linken Flügel zuzuordnen und international gesinnt. Er arbeitete in der, von Bundeskanzler Bruno Kreisky gegründeten, Arbeitsgemeinschaft Entwicklung und Politik (AGEP) jahrzehntelang Jahre mit; ebenso im, von Kreisky gegründeten, Solidaritätskomitee für Nicaragua, das er maßgeblich mitgestaltete und politische und inhaltliche Weichen stellte.

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Seine politische und humanistische Gesinnung teilte er mit seiner Ehefrau Sigrun, die er seit der Jugendzeit kannte. Ihre gemeinsamen Interessen und ihr Wunsch, einen Beitrag zur Veränderung der Welt zum Besseren zu leisten, verband sie. Seite an Seite arbeiteten sie in den Armenvierteln von Santiago, gemeinsam flüchteten sie nach dem Putsch. In den 1980er Jahren, nachdem Herbert das Priesteramt zurückgelegt hatte, konnten sie heiraten. Sigrun brachte sieben Kinder aus erster Ehe mit und Herbert Berger hatte in Chile seinen Sohn Marcelo adoptiert. Im Jahr 2002 haben sie das Buch ‚Zerstörte Hoffnung, gerettetes Leben. Chilenische Flüchtlinge und Österreich’ herausgebracht – ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument.

Herbert Berger lebte internationale Solidarität, er kämpfte für Gerechtigkeit und konnte Menschen für seine Ideen gewinnen. Wir verlieren einen Humanisten, der das Seine zur Verbesserung der Welt geleistet hat.

Publikationen:

  • Sigrun und Herbert Berger, Zerstörte Hoffnung, gerettetes Leben. Chilenische Flüchtlinge und Österreich. Mandelbaum 2002
  • Herbert Berger, Solidarität mit Chile. Die österreichische Chile-Solidaritätsfront 1973-1990. Edition Volkshochschule 2003
  • Herbert Berger, Leo Gabriel (Hg.), Lateinamerika im Aufbruch. Soziale Bewegungen machen Politik. Mandelbaum Verlag 2007
  • Leo Gabriel, Herbert Berger (Hg.), Lateinamerikas Demokratien im Umbruch. Mandelbaum Verlag 2010

Gundi Dick ist seit Jahrzehnten entwicklungs- und frauenpolitisch aktiv. Mit Herbert Berger verband sie eine langjährige Freundschaft und Zusammenarbeit, u.a. im AGEZ-Vorstand (1997-1999), im Südwind Wien Vorstand (2003-2010) und als Co-Lehrende im Proseminar: Globalisierung „von unten“ – internationale Protestbewegungen – Entwicklung, Ziele, Strategien 2001 am Institut für Politikwissenschaft  der Uni Wien.